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Der Steinkauz - Lebensraum, Bestandssituation, Schutzmöglichkeiten. Herausgegeben vom Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen. Broschüre, 50 Seiten. Düsseldorf 2003

Steinkauzschutz in NRW. Oder: "Im Westen nichts Neues"

Dreiviertel der schätzungsweise 6.000 Steinkauzpaare in Deutschland leben zwischen Rhein und Weser. Insoweit liegt die Hauptverantwortung für den Schutz dieser Vogelart genau hier: in Nordrhein-Westfalen. So viel Verantwortung ist dem nordrhein-westfälischen Umweltministerium eine ganze Druckschrift wert: "Der Steinkauz - Lebensraum, Bestandssituation, Schutzmöglichkeiten". Fünfzig Seiten, mehr als dreißig Fotos, viel Grün - informativ, kurzweilig, amüsant.

Ungeachtet dieser Verantwortung wird der Steinkauz in Nordrhein-Westfalen immer seltener. Die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen e.V. (EGE) beobachtet seit Jahren die Steinkauzbestände in der Kölner Bucht - eines der drei nordrhein-westfälischen Schwerpunktvorkommen. In dem mehr als 1 500 km² großen Untersuchungsgebiet sank die Anzahl der Steinkauzpaare in den letzten zehn Jahren um 20 % (siehe Naturschutz und Landschaftsplanung 35, 1: 28) - alles andere als eine Erfolgsbilanz rot-grüner Regierungsverantwortung.

Die Ursachen liegen auf der Hand: Die Verluste gehen vor allem auf das Konto von Baulandausweisungen in den ländlichen Gemeinden. In der Kölner Bucht leben neun von zehn Steinkäuzen in der Peripherie der Dörfer. Genau hier entsteht ein Baugebiet nach dem anderen - zumeist trotz Standortalternativen und ohne Maßnahmen zum Ausgleich. Die Versäumnisse liegen nicht nur bei den Kommunen, sondern auch bei den Bezirksregierungen. Sie sind für die Prüfung der Flächennutzungspläne und für die Durchsetzung der naturschutzrechtlichen Ausgleichsvorschriften verantwortlich, kommen dieser Verantwortung aber kaum nach. Kommunale Aufsicht ist oft kommunale Nachsicht. Die Versäumnisse sind vielfach belegt worden. Horst Stern hat sie der nordrhein-westfälischen Umweltministerin vorgehalten und ressortgerechte Abhilfe verlangt - erfolglos. Das war vor mehr als fünf Jahren (Die Stern-Kolumne, Die Woche vom 29. Mai 1998).

Neu ist das alles also nicht. Neu ist nur die Broschüre. Von Publikationen mit Aufrufen wie "Schützt den Steinkauz", woran diese Broschüre nicht spart, wird man allgemein nicht viel erwarten dürfen, vor allem keine durchgreifende Verbesserung. Papier ist geduldig. Erwarten sollte man hingegen, was die Broschüre zu geben vorgibt: Informationen über die tatsächliche Situation des Steinkauzes in Nordrhein-Westfalen - vor allem über Gefährdung und Schutz.

Aber gerade hieran fehlt es. Die tatsächlichen Gründe für die Gefährdung - Erschließung von Wohn- und Gewerbegebieten sowie der Bau von Umgehungsstraßen - handelt die Broschüre ab in einem einzigen Satz, zudem keineswegs als die Hauptursachen des Rückganges, sondern erst nach einer ausführlichen Darstellung natürlicher Gefährdungsursachen. Frost, Schnee und Steinmarder vor Autoverkehr und fortschreitender Bebauung. Selektive Wahrnehmung nicht nur beim Erkennen des Problems, sondern auch seiner Lösung: kein Hinweis auf die drastischen Bestandsrückgänge, stattdessen die Meldung lokaler Erfolge nach dem Anbringen künstlicher Niströhren. Fünf von neun Seiten Text und Abbildung über Schutzmöglichkeiten sind ein Plädoyer für "die Nisthilfe". Der Rest verschreibt sich Beringung, Kopfbaumpflege, Apfelsaft und der Frage: Was tun mit Steinkauzfindlingen? Es ist schwer, darin nur harmlose Verkennung und nicht absichtliche Beschönigung und gezielte Verschleierung der realen Verhältnisse zu sehen. Immerhin erscheint auch die Vogelschutzwarte im Impressum, die den Herausgeber über das ganze Ausmaß und die wahren Gründe der Bedrohung kaum in Unkenntnis gelassen haben kann.

Zwar lässt die Broschüre wissen, "auch Käuze haben Rechte", sie verschweigt aber gerade das geltende Recht, das den Rückgang stoppen könnte - vor allem die Vorschriften der Eingriffsregelung über Prognose, Vermeidung und Ausgleich von Eingriffsfolgen. Es kann nicht verwundern, dass die Eingriffsregelung in den Bauausschüssen und Bauleitplänen nordrhein-westfälischer Gemeinden beharrlich unberücksichtigt bleibt, wenn Anspruch und Rechtsfolgen der Eingriffsregelung schon von der obersten Naturschutzbehörde nicht wahrgenommen werden, wofür diese Broschüre Beweis ist.

So gesehen fehlt es nicht an einer bunt bebilderten Druckschrift für "Bürger und Bürgerinnen" (ohnehin gibt es über den Steinkauz mehr als ein Dutzend Broschüren) als vielmehr an der zielgerichteten und zielgruppengerechten Information von Bürgermeistern, Bauleitplanern und Behörden. Dort fehlt es auch nicht allein an der gedruckten Information, sondern an dem Druck, aus diesen Informationen richtiges Handeln abzuleiten - nicht zuletzt in den Landesbehörden, die für die Genehmigung von Flächennutzungsplänen zuständig sind: die Bezirksregierungen. Dabei wäre dem Steinkauz schon geholfen, wenn die Landesregierung dem Beispiel anderer Bundesländer folgte und Streuobstwiesen endlich per Gesetz zu besonders geschützten Biotopen erklärte. Hingegen verweist die Broschüre auf die Pflichten der EG-Vogelschutzrichtlinie - aber nur abstrakt, ohne sie aufzuzeigen, versteht sich, und wozu eigentlich, wenn die Landesregierung ihnen nach einem Vierteljahrhundert nicht annähernd nachgekommen ist?

Anstatt diese Informationslücken auszufüllen, Rechtsbewusstsein zu schaffen, das Vollzugsdefizit abzubauen, einfach nur das Recht anzuwenden, wird auf fünfzig Seiten diese Aufgabe gründlich vertan und an den Versäumnissen nur herum geschrieben. Stelldichein mit dem possierlichen Kerl, im Reich des kleinen Koboldes, Namensforschung "en détail", Eulenverehrung in der Antike, Eulenverachtung im Mittelalter, aus dem Liebesleben des Steinkauzes, Speiseplan von Familie Steinkauz - Biologisches, Literarisches, Kurioses. Ach ja, und warum uns diese kleine Eule so am Herzen liegt. Das sind Niveau und vorherrschende Themen der ministeriellen Öffentlichkeitsarbeit. Eine Broschüre eher für die Katz - nicht für den Kauz.

Wilhelm Breuer


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