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Die unendliche Geschichte: Bahnstrom und Uhus

Brief der EGE vom 7. Juni 2006 an Bahnchef Hartmut Mehdorn

7. Juni 2006
Herrn
Hartmut Mehdorn
Deutsche Bahn AG
Caroline-Michaelis-Str. 5-11 10115 Berlin

Uhuverluste an den Oberleitungen der Deutschen Bahn AG

Sehr geehrter Herr Mehdorn,
seit 2002 dürfen neue Mittelspannungsleitungen nur noch so errichtet werden, dass Vögel vor Stromschlag geschützt sind. Bis zum Jahr 2012 müssen alte Mittelspannungsleitungen, von denen eine hohe Gefährdung für Vögel ausgeht, entsprechend umgerüstet sein. Dies verlangt § 53 des Bundesnaturschutzgesetzes. Die Bahnstromleitungen sind unverständlicherweise von diesem Konstruktions- und Nachrüstungsgebot ausgenommen.

Deshalb kommt es an Bahnstromleitungen nach wie vor zu erheblichen Vogelverlusten durch Stromschlag. So entfallen beispielsweise 7% aller Fundmeldungen von Uhus auf Totfunde an Bahnstromleitungen (im Zeitraum 1965-2005 immerhin 103 Uhus, davon alleine 33 an den Bahnstromleitungen in den Tälern von Rhein und Mosel). Nachdem die Bahnstrecken nicht mehr wie früher von Streckenwärtern kontrolliert werden, dürfte die Dunkelziffer der Bahnstromopfer beträchtlich sein. Die früheren Fundmeldungen an Bahnstromleitungen beruhen vor allem auf den vom Bahnpersonal gemeldeten Funden. Wir selbst können die Bahnanlagen als Betriebsgelände nicht selbst absuchen.

Was solche Verluste konkret bedeuten, zeigt der folgende Fall vom 30. Mai 2006:

Bei Spay am Rhein bei Koblenz wird ein Uhumännchen tot an einer Oberleitung der Deutschen Bahn AG gefunden. Es war fast auf den Tag genau vor drei Jahren als Nestling 66 km vom Ort seines Todes entfernt bei Trier mit einem Ring der Vogelwarte Helgoland versehen worden. So endete ein Uhuleben nach 1095 Tagen vorzeitig im Bahnstrom. Unter normalen Umständen werden Uhus zwanzig Jahre oder älter. Im Mai 2006 hatte das Uhumännchen die diesjährigen Jungvögel alleine mit Nahrung versorgen müssen, denn nur wenige Tage zuvor war das dazugehörige Uhuweibchen infolge eines Verkehrsunfalls so schwer verletzt worden, dass es eingeschläfert werden musste.

Nach dem Tod des zweiten Elternteils mochten wir die Jungen nicht dem Hungertod preisgeben. Wir machten uns auf die Suche und fanden zwei bettelnde, fast verhungerte junge Uhus. Diese werden nun von uns aufgezogen, um später in die Freiheit entlassen zu werden – weit weg von den Leitungen der Deutschen Bahn. In der darauf folgenden Nacht hörten die Bewohner von Spay die verzweifelten Bettelschreie eines dritten Jungvogels und alarmierten gegen Mitternacht die EGE. Wir machten uns erneut auf die Suche, die dieses Mal ergebnislos verlief. Der Fuchs dürfte uns zuvorgekommen sein. Einer der beiden aufgefundenen Jungvögel ist in einem erbärmlichen Zustand. Der kleine Uhu ist so geschwächt, dass er mit einer Sonde ernährt werden muss. Seine Überlebenschancen sind gering. - Dass die EGE alle Aufwendungen – Fahrtkosten (im Fall von Spay für annähernd 500 km), Futterkosten, Tierarztkosten usw. – aus Spenden und ohne staatliche Zuschüsse finanzieren muss, versteht sich von selbst.

Dabei sind das felsenreiche Rhein- und Moseltal schon aufgrund des milden Klimas besonders günstige Uhulebensräume, denen Uhus gar nicht widerstehen können. Nur, die Bahnstromleitungen machen aus diesem Uhuparadies ein wahres Bermudadreieck und ein schwarzes Loch, in dem ein Uhu nach dem anderen buchstäblich verschwindet. Waren es im 18. und 19. Jahrhundert die Uhuabschüsse mit Pulver und Blei, die den Uhu dezimierten, so sind es heute die Verluste an Bahnstromleitungen. Diese Verluste sind populationsbiologisch gesehen besonders schwerwiegend, weil beide Täler für den genetischen Austausch zwischen Teilpopulationen und die Wiederbesiedlung von Teilen Westeuropas wichtig sind. Erst kürzlich z. B. verunglückte ein Uhu an einer Bahnstromleitung bei Mülheim-Kärlich. Wir können Ihnen jeden bekannt gewordenen Todesfall der letzten 40 Jahre an Bahnstromleitungen belegen.

Sehr geehrter Herr Mehdorn, der Uhu ist kein Allerweltsvogel. Gerade einmal tausend Paare der größten europäischen Eulenart leben in Deutschland. Dies sind deutlich weniger Brutpaare als für die langfristige Sicherung der genetischen Vielfalt der Art benötigt werden. Zudem gibt es in vielen Bundesländern Hinweise auf eine für eine dauerhafte Bestandserhaltung unzureichende Reproduktion – auch und vor allem deswegen, weil nach wie vor Uhus durch Stromschlag an den Oberleitungen der Deutschen Bahn zu Tode kommen. Die unsichere Zukunft des Uhus in Deutschland führte schließlich zu seiner Wahl zum Vogel des Jahres 2005.

Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich des geschilderten Problems annähmen. Sie finden hierzu ausführliche Informationen auf unserer Website. Übrigens haben wir uns bereits im Jahr 1985, also vor mehr als 20 Jahren in dieser Sache über den Bundesminister für Verkehr, Herrn Minister Dr. Dollinger, an die Hauptverwaltung der DB gewandt. Zum Beleg füge ich die damalige Korrespondenz bei. Damals – wir hießen "Aktion zur Wiedereinbürgerung des Uhus" – feierte die Deutsche Bundesbahn gerade "150 Jahre Deutsche Eisenbahnen". Dieses Jahr begeht die Bundesrepublik einen anderen Geburtstag: "100 Jahre staatlicher Naturschutz". Dass der Uhu nur eine von vielen Vogelarten ist, die vielerorts buchstäblich auf der Strecke bleibt, ist auch in Ihrem Unternehmen bekannt. Wir erinnern in diesem Zusammenhang nur an die Ausführungen Ihres Mitarbeiters Dr. Michael Below (Bahn-Umweltzentrum, Betrieblicher Umweltschutz/Naturschutz) bei einem internationalen Kongress zum Thema Ende März 2006 in Muhr am See (Bayern) und an die Vorhaltungen, die er sich dort für Ihr Unternehmen hat anhören müssen.

Wir hätten Verständnis dafür, wenn die Umrüstung der gefährlichen Leitungsabschnitte einige Zeit in Anspruch nehmen sollte, würde sie nur endlich und sukzessive begonnen – z. B. an den Bahnstrecken an Mosel und Rhein. Vielleicht sehen Sie überdies die Möglichkeit, sich an den uns seit Jahren aufgrund der bahnbedingten Uhuverluste und Rückschläge entstehenden Kosten - wie in dem geschilderten Fall vom 30. Mai 2006 für die Suche und Pflege verwaister Uhus - mit einer Spende zu beteiligen. Über Ihr Engagement würden sich nicht nur wir, sondern die am Natur- und Artenschutz interessierte Öffentlichkeit freuen.

Mit freundlichen Grüßen
Wilhelm Bergerhausen
Geschäftsführer

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